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Neues aus den Goldgruben der Archäologen

In den Latrinen der alten Stralsunder werden Archäologen immer wieder fündig.
Jörg Ansorge vermittelte ein Bild von den jüngsten Ausgrabungen
(www.ostsee-zeitung.de vom 21. Juni 2008
- Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

Fundstück aus jüngerer Zeit:

Dr. Jörg Ansorge zeigt den Ersatztank eines amerikanischen Bombers

Weit zurück in die Geschichte der Hansestadt führte am Dienstagabend ein Vortrag, zu dem der Förderverein St. Nikolai eingeladen hatte. Im Mittelpunkt des Interesses standen die Grabungen am Fuße der ältesten Stralsunder Stadtkirche. In einem fesselnden Überblick über zahlreiche Funde und der Interpretation ihrer Aussagen zur Stadtentwicklung ließ der Archäologe Dr. Jörg Ansorge vor mehr als 50 Gästen die Vergangenheit des Stadquartiers Revue passieren. Im Zentrum der mittelalterlichen Stadtgründung gelegen, beschäftigt die Archäologen vor allem die Frage, wie weit hier die Spuren in die Frühzeit zurückführen. Zwar ist die Stadtgeschichte Stralsunds mittlerweile hinreichend bekannt, doch wie Jörg Ansorge erklärte, gebe es vor allem zur Frühphase der Stadtentwicklung bislang noch sehr wenige Befunde. Entweder seien die Relikte durch eine spätere Überbauung verschwunden, oder die Ausbreitung der Stadt sei späteren Datums, so seine Überlegungen.

Die ältesten Befunde am Rathausplatz reichten nach den jetzigen Erkenntnissen etwa bis ins späte 13. Jahrhundert zurück. Spuren und Funde, die sich vor 1270 datieren lassen, sind bisher nur in der Mühlenstraße gefunden worden, so dass die Archäologen auf einem Plateau zwischen Sund und Knieperteich den Kern der ursprünglichen Stadtgründung vermuten. Eine eiszeitliche Rinne verband damals noch den Moorteich mit dem Boddengewässer. "Ein erster, geschützter Hafen im Knieperteich - das ist doch ein reizvoller Gedanke", gab der Archäologe vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege diesem Denkansatz ein konkretes Bild. Zur Orientierung während des Vortrags nahm Ansorge die Stadtansicht des Staudeplans von 1647 zu Hilfe und gab eine Bestandsaufnahme der Bebauung, wie sie sich heute an den freigelegten Keller- und Mauerresten dokumentiert: große Giebelhäuser und Grundstücke an der Ossenreyerstraße, kleinere, oft schmale Handwerkshäuser in der Kleinschmiedstraße.

Hilfreich und wertvoll für die Geschichtsschreibung ist in diesem Zusammenhang die "Grundstücksstabilität" seit dem 13. Jahrhundert. Nur in einzelnen Fällen wurden die mittelalterlichen Keller von größeren Gebäuden überbaut, wie die Archäologen belegen können. Zeugnisse für frühes Handwerk fanden sich unter anderem in Schmelztiegeln einer Goldschmiedewerkstatt oder auch in winzigen Bruchstücken von Knochenschnitzereien für Intarsienarbeiten. Beeindruckend wurde der Vortrag dann noch einmal bei der Vorstellung der geborgenen Funde aus den Holzschächten und Ziegellatrinen, den "Goldgruben der Archäologen". Unüberschaubar scheint die Masse an Keramik aus allen Epochen: Ofenkacheln, Töpfe, Teller, Krüge, Stralsunder Fayencen, Reste einer kompletten Haushaltsauflösung. Als besonderer Aspekt: ehemalige Kochtöpfe, die später als Nachttöpfe verwendet wurden, wie dicke Schichten von Urinstein erkennen lassen.

Wie spät ist es?
Die Antwort war nicht einfach zur Zeit, als die Armbanduhr noch nicht erfunden war.

Taschensonnenuhren waren die Lösung.

Ein spanischer Krug für Olivenöl um 1600, rheinische und niederländische Importware, italienische Fayencen vom Ende des 16. Jahrhunderts bezeugen wiederum die regen Handelsbeziehungen der Hansestadt. Pilgerzeichen von 1310/20, eine Schuhleiste mit Hauszeichen aus dem 15. Jahrhundert, Siegelstempel die auf bekannte Stralsunder Namen aus jener Zeit schließen lassen, ein Rosenkranz aus Bernsteinperlen aus dem 14. Jahrhundert, eine Taschensonnenuhr oder auch beschriftete Wachsbuchtafeln gaben Jörg Ansorge immer neuen Anlass zu spannenden Ausführungen, die seinen gut zweistündigen Vortrag für seine Gäste kurzweilig und informativ machten.

BERND HINKELDEY

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