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Ein Lebensabschnitt für den Schlüter-Altar
Die beiden Hauptaltäre in St. Nikolai faszinieren die Betrachter.
Restaurator Volker Ehlich stellte sie einem interessierten Publikum vor.
(www.ostsee-zeitung.de vom 21. Juni 2008 2008
- Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

Restaurator Volker Ehlich vor dem Schlüter-Altar, dem er einen ganzen Lebensabschnitt gewidmet hat.

Namenlos ist der eine, mit fremdem Federn schmückt sich möglicherweise der andere: Hochaltar und Schlüter-Altar standen Dienstag im Mittelpunkt des Vortrages von Restaurator Volker Ehlich, der dem Förderverein einen fesselnden Einblick in die anstehenden Restaurierungsarbeiten der beiden zentralen Altäre in St. Nikolai gab.

Selbst wenn große Flächen im Mittelteil des Hochaltars vollständig fehlen, ist der Betrachter dennoch von der Vielfalt der ursprünglich über 100 Figuren fasziniert, die biblische Szenen aus dem Leben Jesu Christi darstellen. Der oder die Künstler sind unbekannt; die Entstehung des Altars wird ins 15. Jahrhundert datiert. Anders als vielleicht vermutet, ist das mächtige Schnitzwerk nicht einem künstlerischen Genius entsprungen, sondern war seinerzeit durchaus Massenware, wie der Restaurator darlegt. "Wir wissen, dass es in Brüssel und anderswo große Manufakturen gab, die sich mit der Herstellung von Altarfiguren befassten. Diese wurden jeweils nach Bedarf und Größe des bestellten Altars zusammengefügt." Ähnlich mag der Hochaltar in St. Nikolai entstanden sein, was seiner kunsthistorischen Ausstrahlung ganz sicher keinen Abbruch tut, faszinieren allein schon sein ehrwürdiges Alter und die Komposition der Szenen. Welch handwerkliche Kunstfertigkeit zum Beispiel im feingliedrigen Zierwerk der Seitenteile liegt, machten die bildlichen Darstellungen und Ausführungen von Volker Ehlich deutlich.

Bibelszene auf dem rechten Flügel des mittelalterlichen Hochaltars.

Der aktuellen Vorgabe folgend, soll der Mittelteil mit seinen Kriegsschäden als mahnendes Zeitzeugnis unverändert bleiben. Dem Originalzustand angenähert werden - in altem Bildmaterial eindrucksvoll dokumentiert - sollen aber die dreigliedrigen Flügel des ehemaligen Wandelaltars. So warten auf der rechten Seite noch die dreischichtigen Schleierbretter über den Figurengruppen auf ihre Ergänzung. Bei anderen Szenen fehlen Figuren und abgebrochene Körperteile. Nach Ersatz aller Holzteile und Abschluss einer einheitlichen Farbgebung soll der Hochaltar - trotz bleibender Schäden und Verluste - seinen harmonischen Gesamteindruck weitgehend wieder erhalten. Als wichtige Aufgabe beschreibt der Restaurator auch den Schutz der durch "die Feinheit der Malerei verblüffende" Gestaltung auf der nicht sichtbaren Rückseite der Seitenflügel. Für die Kirchenbesucher erlebbar werden in den nächsten Wochen die Restaurierungsarbeiten am Schlüter-Altar wieder aufgenommen. Den kurzzeitigen Betrachter mag der barocke Überschwang des vielgestaltigen Kunstwerkes überwältigen. Bei genauem Hinschauen werden aber auch die schweren Schädigungen offenbar. Risse im Wolkenkranz, fehlende Gliedmaßen bei den Engeln, Rostschäden und allenthalben abbröckelnde Farbe zeigen den noch großen Sanierungsbedarf als Folge der Auslagerung in Kriegszeiten und fehlender Pflege.

Deutlich sichtbar die Schäden an den Figuren des Schlüter-Altars, die im nächsten Sanierungsabschnitt behoben werden.

Mit wieviel Akribie, Kunstfertigkeit und Ausdauer bislang an der Restaurierung gearbeitet wurde, veranschaulichte am Dienstagabend eine beeindruckende filmische Dokumentation des Restaurators. Spannend daneben aus kunsthistorischer Sicht auch die Frage, welchen Anspruch auf Originalität der nach Andreas Schlüter benannte Altar hat. Ursprüngliche Entwürfe des Berliner Architekten und Künstlers sowie des Stralsunder Kollegen Thomas Phalert von 1706 gelten leider als verschollen.

Dennoch gehört der mächtige Altar vor dem Chor zu einem der großen und beherrschenden Kunstwerke in der Nikolaikirche, dessen Erhalt und Bewahrung Restaurator Volker Ehlich einen ganzen Lebensabschnitt gewidmet hat, wie er bekennt.

BERND HINKELDEY

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